{"id":1816,"date":"2010-11-17T10:45:00","date_gmt":"2010-11-17T10:45:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.b.shuttle.de\/hayek\/Hayek\/Jochen\/wp\/blog-de\/2010\/11\/17\/amos-oz-eine-geschichte-von-liebe-und-finsternis-kap-63\/"},"modified":"2010-11-17T10:45:00","modified_gmt":"2010-11-17T10:45:00","slug":"amos-oz-eine-geschichte-von-liebe-und-finsternis-kap-63","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wp.jochen.hayek.name\/blog-de\/2010\/11\/17\/amos-oz-eine-geschichte-von-liebe-und-finsternis-kap-63\/","title":{"rendered":"Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Kap. 63"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eine_Geschichte_von_Liebe_und_Finsternis\">Eine Geschichte von Liebe und Finsternis \u2013 Wikipedia<\/a><\/p>\n<blockquote><p>\n<i>Meine Mutter beendete ihr Leben in der Wohnung ihrer Schwester in der Ben-Jehuda-Stra\u00dfe in Tel Aviv, in der nacht von Schabbat auf Sonntag, den 6. Januar 1952, den 8. Tewet 5712. Damals tobte in Israel ein geradezu hysterischer Streit \u00fcber die Frage, ob der Staat Israel von Deutschland Reparationen f\u00fcr das Verm\u00f6gen von Juden, die w\u00e4hrend der Hitler-Zeit ermordet worden waren, fordern und annehmen d\u00fcrfe oder nicht. Einige teilten David Ben Gurions Standpunkt, man d\u00fcrfe nicht zulassen, da\u00df die M\u00f6rder die Ermordeten auch noch beerbten, und hielten es entschieden f\u00fcr richtig, da\u00df der Gegenwert des von den Deutschen geraubten j\u00fcdischen Verm\u00f6gens dem israelischen Staat zur\u00fcckerstattet und diesem dadurch erm\u00f6glicht w\u00fcrde, die \u00dcberlebenden des V\u00f6lkermords zu integrieren. Andere wiederum, mit dem Oppositionsf\u00fchrer Menachem Begin an der Spitze, erkl\u00e4rten voller Schmerz und Wut, dies sei ein moralisches Verbrechen und eine Entweihung des Andenkens der Ermordeten, wenn der Staat der Opfer den Deutschen leichte Absolution f\u00fcr schmutziges Geld verkaufe.<br \/>[\u2026]<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Zeilen sind die Perspektive eines Kindes in diesem &#8220;<i>im autobiographischen Stil gehaltenen<\/i>&#8221; Romans von Amos Oz. Sie helfen insbesondere Deutschen, einmal die israelische oder j\u00fcdische Perspektive <i>&#8220;der Sache mit den Reparationen<\/i>&#8221; einzunehmen.<\/p>\n<p>Der 6. Januar ist \u00fcbrigens der Geburtstag meiner eigenen Mutter. Sie starb auch jung \u2013 im Alter von 47 Jahren. Der Krebs raubte sie uns im Jahr 1985.<\/p>\n<p>Von der vorletzten Seite dieses Kapitels und damit dieses Romans, denn es ist eben das letzte Kapitel:<\/p>\n<blockquote><p>\n<i>Alles erschien ihr so, als verdiene und ben\u00f6tige es Mitgef\u00fchl, aber ihr Mitgef\u00fchl war verbraucht.<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Dieses Gedanke kommt mir einigerma\u00dfen vertraut vor, nun, nicht vollst\u00e4ndig, denn meines ist immer noch nicht ganz verbraucht, will ich doch mindestens noch Jo\u00e3o Gabriels Kinder erleben und spielen sehen eines Tages.<\/p>\n<p>Dies ist dann das Ende dieses Buches:<\/p>\n<blockquote><p>\n<i>Meine Mutter entschied sich, diese Nacht in ihren Kleidern zu schlafen, und um sicherzugehen, da\u00df sie nicht wieder zu einer Leidensnacht in der K\u00fcche erwachen w\u00fcrde schenkte sie sich ein Glas Tee aus der Thermosflasche ein, die ihre Schwester ihr ans Bett gestellt hatte, und wartete, da\u00df er ein wenig abk\u00fchlte, und als er abgek\u00fchlt war, schluckte sie mit diesem Tee ihre Schlaftabletten. W\u00e4re ich dort bei ihr gewesen in jenem Zimmer zum Hinterhof in Chajas und Zvis Wohnung, zu jener Stunde, um halb neun oder Viertel vor neun an jenem Schabbatausgang, h\u00e4tte ich ihr bestimmt mit aller Kraft zu erkl\u00e4ren versucht, warum sie das nicht tun d\u00fcrfe. Und wenn es mir nicht gelungen w\u00e4re, es ihr zu erkl\u00e4ren, h\u00e4tte ich alles getan, um ihr Mitleid zu erregen, da\u00df sie sich ihres einzigen Sohnes erbarme. Ich h\u00e4tte geweint und gefleht, ohne jegliche Scham, h\u00e4te ihre Beine umklammert, und vielleihct h\u00e4tte ich mich auch ohnm\u00e4chtig gestellt oder mich geschlagen und gekratzt bis aufs Blut, wie ich es sie in Momenten der Verzweiflung hatte tun sehen. Oder ich w\u00e4re wie ein M\u00f6rder \u00fcber sie hergefallen, ohne Z\u00f6gern h\u00e4tte ich eine Vase gepackt und sie auf ihrem Kopf zertr\u00fcmmert. Oder h\u00e4tte sie mit dem B\u00fcgeleisen geschlagen, das auf einem Regal in der Zimmerecke stand. Oder h\u00e4tte ihre Schw\u00e4che ausgenutzt und mich auf sie geworfen, ihr die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken gefesselt und ihr alle ihre Pillen weggenommen, all ihre Tabletten, Dragees, L\u00f6sungen, Essenzen und Sirups, und h\u00e4tte sie allesamt vernichtet. Aber sie haben mich nicht dort sein lassen. Nicht einmal zur Beerdigung haben sie mich gehen lassen. Meine Mutter schlief ein und schlief diesmal ohne irgendwelche Albtr\u00e4ume und ohne Schlafst\u00f6rungen, und gegen Morgen erbrach sie sich und schlief wieder ein, in ihren Kleidern, und weil Zvi und Chaja Verdacht zu sch\u00f6pfen begannen, wurde kurz vor Sonnenaufgang ein Krankenwagen bestellt, und zwei Bahrentr\u00e4ger trugen sie behutsam hinaus, als wollten sie ihren Schlaf nicht st\u00f6ren, und auch im Krankenhaus wollte sie auf niemanden h\u00f6ren, und obwohl man auf diese und jene Weise versuchte, ihren guten Schlaf zu st\u00f6ren, schenkte sie ihnen keine Beachtung, auch nicht dem Facharzt, von dem sie gelernt hatte, da\u00df die Seele die furchtbarste Feindin des K\u00f6rpers sei, und sie erwachte nicht mehr an jenem Morgen, auch dann nicht, als der Tag aufleuchtete und zwischen den Fikusb\u00e4umen im Krankenhauspark der Vogel Elise sie verwundert rief, immer aufs neue rief und rief, vergebens rief und es doch wieder und wieder versuchte und es noch immer versucht, manchmal.<\/p>\n<p>Arad, Dezember 2001<\/i><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich brauche jetzt eine neue herzergreifende und \u00e4hnlich ernsthafte Lekt\u00fcre.<br \/>\nErstmal wird wohl <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Shlomo_Sand\">Sands<\/a> <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Shlomo_Sand#.E2.80.9EDie_Erfindung_des_j.C3.BCdischen_Volkes.E2.80.9C\">Buch<\/a> dran sein, welches ich zu Ende bringen m\u00f6chte \u2026\t\t\t\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Geschichte von Liebe und Finsternis \u2013 Wikipedia Meine Mutter beendete ihr Leben in der Wohnung ihrer Schwester in der Ben-Jehuda-Stra\u00dfe in Tel Aviv, in der nacht von Schabbat auf Sonntag, den 6. 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